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Masurische Seen und Folgegewässer


mit der ‘African Queen’

Schon seit Langem beabsichtigten wir eine Faltbootfahrt in Europas Osten, An- und Abreise mit der Bahn eingeschlossen, zu unternehmen. Wegen des zu erwartenden Niedrigwassers im Sommer schied die anfangs favorisierte Moldau leider aus; da wir von den Masurischen Seen schon viel gehört hatten, eigentlich aber nur, daß es dort sehr schön sei, war die Entscheidung zugunsten dieser schnell gefallen. Als Planungsgrundlage diente uns dabei eine Straßenkarte Polen-Nordost 1:300000, sowie ein Tourenvorschlag im DKV-Auslandsführer Polen.

So wären wir dann auch laut Fahrplan am Freitag, 11. August 1995 um 23.49 Uhr am Braunschweiger Hauptbahnhof gestartet, wenn da nicht eine Zugverspätung aus unerklärter Ursache gewesen wäre, so daß wir erst gegen 2.30 Uhr des folgenden Tages loskamen. Die Zugfahrt bis Poznan verlief allerdings recht schlaflos und unsere Anschlußverbindungen waren natürlich auch längst ohne uns weitergefahren, da die Verspätung nicht aufgeholt wurde, sondern sich sogar noch vergrößerte. So kauften wir uns im Bahnhof von Poznan erstmal eine Topographische Karte 1:100000 der Jezioro Mazurskie, also der Masurischen Seen, und planten daraufhin unseren Startpunkt von Wegorzewo auf Gizycko um, da dieser Ort direkter mit der Bahn angefahren werden kann. Diesen Ort erreichten wir dann auch am späten Nachmittag, und für die erste Nacht quartierten wir uns auf dem Campingplatz dieses Ortes ein.

Als Ersatz für die ausgefallene Fahrtstrecke von Wegorzewo nach Gizycko fuhren wir am ersten Tag (Sonntag) von Gizycko aus in Richtung Norden (Jezioro Kisajno, Jez. Dargin, Jez. Dobskie). Der Biwakplatz am Südufer des letztgenannten Sees verfügte über eine gut ausgebaute Feuerstelle und mehrere ‘verminte’ Pfade durch den Wald. So oder doch ähnlich sahen auch die in der Karte verzeichneten Biwakplätze an den Ufern der großen Seen aus, die hauptsächlich von den zahlreichen Seglern frequentiert werden.

Am Montag fuhren wir dann die Strecke des Vortages nach Gizycko zurück, wo wir uns ausgiebig in Skleps und Delicatesy-Läden für die weitere Strecke mit Lebensmitteln eindeckten. Die Einkaufsmöglichkeiten sind durchweg gut, wenn auch die Läden anders als bei uns kaum Selbstbedienung haben; so fällt es schwer die Produkte zu erkennen und der Verkäuferin zu beschreiben was man gerne kaufen möchte, aber wir haben immer noch alles bekommen und sind auch nicht verhungert.

Die folgende Strecke führte uns entlang des im DKV-Auslandsführer Polen beschriebenen Tourenvorschlages für die Masurischen Seen. Mit der oben angeführten topographischen Karte lassen sich aber auch andere Touren heraussuchen, es sind sogar einige Kanutouren eingezeichnet. So befuhren wir einzelne Seen, die alle durch Kanäle miteinander verbunden sind. Trotz starken Winds (natürlich von vorn) konnten wir alle diese Strecken ohne Spritzdecke befahren (er lebe hoch der Faltboot-Süllbord). Die Seen sind durchweg von Wald umgeben, und nur von Zeit zu Zeit zeigen sich mal Getreidefelder, Wiesen, einzelne Gehöfte oder gar kleinere Ortschaften.. Die Verbindungskanäle zwischen den Seen sind leicht zu finden, da diese auch von den Seglern benutzt werden, die sich in diesen aber da das Segeln verboten ist mit Motorkraft, in paddelnder Weise oder gar mit einem treidelnden Besatzungsmitglied fortbewegen.

Während der nächsten Tage ließ der Wind so stark nach, daß die ‘African Queen’ (Pouch RZ 85) das schnellste motorlose Boot der Seen war. In den windstillen Tagen machte die ‘Queen’ nur wenig Wasser (max. 1 Liter / Tag), bei Wellengang konnte dieses um ein Vielfaches ansteigen, da im Oberdeck nur die gröbsten Löcher mit Flicken versehen waren.

Die weitere Fahrtstrecke führte uns über Mikolajki nach Ruciane-Nida. Auf dieser Strecke schauten wir auch noch kurz in den Größten der Masurischen Seen, dem Jez. Sniardwy, auch Masurisches Meer genannt, der eine Ausdehnung von bis zu 20 km hat, hinein. In der kurz vor Ruciane-Nida gelegenen Schleuse trafen wir eine Kanutengruppe aus Hamburg. Dieses freute uns sehr, da die Anzahl der richtigen Wanderpaddler doch recht gering ist. Da die Hamburger mit insgesamt 6 Booten (alles Einer, kein Falter) unterwegs waren wandte sich der Schleusenmensch, der vor Öffnung des Schleusentores erst von allen Booten (außer unseren Kajaks nur Segelboote) die Schleusengebühr abkassierte, an die Hamburger, die gleich für uns mitbezahlten. Wir dankten es ihnen in dem wir dann beim darauf folgenden Postkartenschreiben einen Blick auf ihre Boote warfen, während sie Essen gegangen waren.

Am Ende der Seenstrecke, wo zum Schluß auch keine Segler mehr waren, umtrugen wir noch 4 km (mit Bootswagen kein Problem) bis nach Pisz, wo wir in die Pisa einsetzten. Die Pisa wäre auch auf direkten Wege über den Jez. Sniardwy (s.o.) zu erreichen gewesen, unsere Fahrtstrecke (über Ruciane-Nida und dem Jez. Nidzkie) soll aber die landschaftlich reizvollere sein, da dieser See sehr langgestreckt ist und außerdem den Vorteil bietet, nicht soviel offene Wasserfläche zu besitzen.

Die Pisa hat in Pisz etwa die Größe der Aller bei Celle und ist im weiteren Verlauf noch weitgehend naturbelassen, also mit sandigen Gleithängen, mit Prallhängen voller Uferschwalben-Nester und ähnlichen Sachen, die man an natürlichen Flußläufen erwartet, einschließlich Biberbiß-Spuren, die man ja in Deutschland leider kaum noch sieht.

Die Hoffnung, auf diesem Fluß keine Segler mehr zu treffen, trügte: gleich am ersten Abend fuhren die ersten unter Motorkraft an unserem Biwak vorbei. Dieses Boot trafen wir in der folgenden Woche täglich wieder an. Es ist aber auch nicht weiter verwunderlich, da ja über Pisa und Narew eine Verbindung zwischen den Masurischen Seen und dem Wisla-Flußsytem besteht, und somit auch mit Warschau oder aber den Stauseen auf Narew und Wisla. Auch in der Folgezeit trafen wir mehr Segelboote als Kanus.

Vor und nach Orten in der Nähe des Flusses nahm die Zahl der Angler und Badenden, letztere aber nur bei schönem Wetter, stets zu, auch das Vieh schien dem Bad im Wasser nicht abgeneigt zu sein.

Nach ca. 80 Kilometern und 3 Tagen Fahrt mündete die Pisa in den Narew, einem Fluß der etwa Wesergröße (bei Hann.-Münden) besitzt. Der erste Eindruck war recht enttäuschend: begradigt, schwache Strömung, monotones Ufer, doch nach einigen Kilometern änderte sich das Bild: der Fluß mäandrierte in einer Heidelandschaft, zu den sandigen Ufern kamen mit Weiden bewachsene Inseln im Fluß hinzu. Da der Fluß in seiner Hauptrichtung nach Westen lief, fiel uns bei tiefstehender Sonne am Abend das Steuern recht schwer, da wir in diesem Flußabschnitt eine Schönwetterperiode genießen durften, worauf hin wir des Abends dann die Sonne direkt von vorne hatten und so geblendet wurden. Auch hier wurde eifrig gebadet und geangelt.

Nach kleinen Orten konnten wir nie eine Verschlechterung der Gewässerqualität feststellen (Plumpsklos!?), nach größeren Orten konnten die olfaktorischen Sinne aber durchaus mal unangenehm gereizt werden., was jedoch weder die Bevölkerung noch uns von Baden abhielt.

Auf der Höhe von Pultusk ließ die Strömung merklich nach und der Narew wurde zum Jez. Zegrzynskie, einem Stausee, dessen Ende rechts umtragen wurde. Auch hier bewährte sich wieder die Bootswagen- Rucksackumtrage-Methode. Hiernach floß der Narew wieder gut weiter und es waren auch wieder geeignete Biwakplätze vorhanden, die am See, wo es dafür von Datschen nur so wimmelte, nicht so häufig anzutreffen waren. Der nun folgende letzte Tag auf dem Narew begrüßte uns mit Gegenwind, der sich auch auf der Wisla fortsetzte. Die Wisla fließt zwar vorwiegend gerade aus, mäandriert aber mächtig zwischen den vielen Inseln und den Ufern hin und her. Nachdem wir für die Pisa und den Narew wieder unsere Planungskarte (1:300000) verwendet hatten, führten wir auf der Wisla die Befahrung mit einer 1:750000 Karte durch, da wir keine Lust hatten uns eine zwar detailliertere, dafür aber ganz Polen enthaltende im Buchformat erschienene 1:250000 Karte anzuschaffen.

Die Wisla ist stellenweise so breit, daß es ihr dafür an Tiefe mangelt und man schon mal mitten im Fluß mit Grundberührung zu rechnen hat; selbst die durch Bojen markierte Fahrrinne schien uns manchmal versandet.

Nach ca. 1 ½ Tagen waren wir mal wieder auf einem Stausee, dem Jez. Wloclawskie. Das Wetter wurde leider stürmisch, der Wind frischte auf (selbstverständlich von vorne), so daß man des Abends durchaus die Anstrengung des Tages in den Knochen spürte, auch die ‘Queen’ quittierte die vielen überkommenden Wellen mit ca. 15 Liter / Tag. Am fernen Ende des Stausees gab es eine Schleuse mit 13m-Hub, die wir in altbekannter Manier umtrugen. Mehrere Boote wären wohl auch geschleust wurden. Der Schleusenmeister sagte, daß der große Hub durch das extreme Niedrigwasser (auch in Polen war der Sommer wohl recht sonnig) zustande kam, daher ist das Fehlen der Binnenschiffe (wir bekamen außer einzelnen Schuten und deren Schleppern auf der Wisla keines zu Gesicht) nicht verwunderlich. Beim Lenzen an der Schleuse verabschiedete sich auch ein blinder Passagier, eine Mysz (Mus spec.).

Zu dem Gegenwind kam nun noch Regen hinzu und es wurde auch merklich kühler.

Da es uns schwerfiel Petroleum und Spiritus nachzukaufen (reine Verständigungsschwierigkeit), kochten wir, sofern es das Wetter zuließ, schon seit einigen Tagen auf dem Feuer. Als Bereicherung der üblichen Grundsubstanz (Nudeln, Reis u.ä.) entdeckten wir Buchweizen (hat wirklich gut geschmeckt Thies, du kannst Oli gerne fragen), den es in Polen sogar in Kochbeuteln gibt, und auch Aufguß der Blätter der Mentha aquatica (laut Reinder ja kein Tee), ergibt selbstgesammelt ein durchaus wohlschmeckendes Getränk.

Aufgrund der Wetterverschlechterung verbrachten wir auch einen kompletten Tag, abgesehen von notwendigen Austritten, komplett im Zelt, denn der Regen schickte sich an, von 20 Uhr bis 21 Uhr des darauffolgenden Tages zu dauern.

Am vorletzten Fahrtag wurde noch Torun besichtigt, das Wetter war an diesem Tag kühl aber trocken. Am folgenden Tag wurde bei strömenden Regen noch bis Bydgoszcz gefahren, dort das Boot abgebaut, naß eingepackt und dann die Heimreise angetreten; zuerst zu Fuß, später per Taxi und noch später per Zug.

Geschrieben am 31. August 1995 auf dem Bahnhof Poznan Gl. um 19.30 Uhr in der Hoffnung am darauffolgenden Morgen um 5.04 Uhr in Braunschweig Hbf. einzutreffen.

PS: Die Hoffnung trügte leider etwas, denn der Zug hatte in Braunschweig etwa 10 min. Verspätung. Auf der Zugfahrt führten wir das Faltboot zum ersten Mal vollkommen legal mit uns, bescheinigt durch ein Extraticket über 30 kg-Sondergepäck, welches wir im Zug nachlösen durften (1.09.1995 15 Uhr).

Oli & Tomy

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